« zurück zur Übersicht

„Lebensort Vielfalt“ im Alltag: Ein Gespräch mit Hospiz-Leiterin Melanie Fischer

Vor über einem Jahr hat unser Hamburg Leuchtfeuer Hospiz als erste Hospiz- und Pflegeeinrichtung in Hamburg das Qualitätssiegel „Lebensort Vielfalt“ erhalten. Mit dieser Auszeichnung würdigen die Schwulenberatung Berlin und die Initiative „Vielfalt Pflegen“ Einrichtungen, die sich aktiv für die Begleitung queerer und (post-)migrantischer Lebensrealitäten einsetzen. Im Interview spricht Hospiz-Leiterin Melanie Fischer darüber , was das Haus zu einem „Lebensort Vielfalt“ macht und was sich seit dem Qualifizierungsprozess verändert hat. 

Was bedeutet „Lebensort Vielfalt“ eigentlich? 

„Lebensort Vielfalt“ ist ein Qualitätssiegel für Einrichtungen im Pflege- und Gesundheitswesen, die sich intensiv mit den besonderen Bedürfnissen von Menschen auseinandersetzen möchten, die aus der queeren Community kommen oder eine Migrationsgeschichte haben. Dabei beachtet das Siegel aber grundsätzlich alle Diversitätsmerkmale und nicht nur queere Themen oder Migration. 

Es geht darum, unser Haus, die Strukturen und die Mitarbeiter*innen so aufzustellen, und zu sensibilisieren, dass alle Menschen willkommen sind – unabhängig etwa davon, woher sie kommen, wie sie aussehen, welche Geschlechtsidentität oder sexuelle Orientierung sie haben oder ob sie eine Behinderung haben. Ziel ist ein Ort, an dem sich Menschen respektvoll und würdevoll behandelt sicher und gut aufgehoben fühlen. 

Wie sieht das konkret im Arbeitsalltag aus? 

Das zeigt sich einmal durch die Signale, die wir nach innen und außen senden. Schon von außen sieht man die Progress Pride Flag an unserem Hospiz. Das ist ein klares Zeichen: Hier sind alle Menschen willkommen. Auch wenn man das Haus betritt, gibt es sichtbare Hinweise, die zeigen: Wenn es Fragen gibt oder Sprachbarrieren bestehen, unterstützen wir. Wir nutzen Hilfsmittel, vermitteln an Beratungsstellen und helfen dort, wo wir können. 

Entscheidend ist aber die Art und Weise der Menschen, die hier arbeiten. Wir begegnen Bewohner*innen, An- und Zugehörigen, Gästen und Dienstleister*innen offen, freundlich und zugewandt. Der Mensch als Individuum steht im Fokus und damit die Frage: Was brauchst du, damit du dich hier gut aufgehoben und begleitet fühlst? 

Die Menschen, die in alle ihrer Buntheit zu uns kommen, werden von uns nicht bewertet. Sie sollen spüren: Du bist okay. Du bist willkommen, so wie du bist. 

Die Progress Pride Flag weht über dem Eingang des Hamburg Leuchtfeuer Hospizes.

Die Progress Pride Flag weht über dem Eingang des Hamburg Leuchtfeuer Hospizes. (c) Christian Kieselbach

Vielfalt war bei Hamburg Leuchtfeuer bereits vor dem Zertifizierungsprozess fest in der DNA verankert, da die Organisation ihren Ursprung in der Aidshilfe hat. Was hat sich im vergangenen Jahr verändert? 

Wir haben im Zertifizierungsprozess festgestellt, wie wichtig es ist, sich mit den Themen intensiv zu beschäftigen. Wir haben Dinge gelernt, die uns zuvor nicht bewusst waren, und erkannt, wie wichtig es ist, sich mit den eigenen Voreingenommenheiten auseinanderzusetzen. 

Außerdem sind wir heute noch sensibler im Umgang mit Sprache, sowohl intern als auch nach außen. Wir achten bewusst auf gendergerechte Sprache und haben viele Dokumente und Prozesse angepasst. 

Ein wichtiger Unterschied zeigt sich auch im Alltag: Wenn wir das Gefühl haben, dass eine Situation diskriminierend sein könnte, reagieren wir heute schneller. Wir kommen als Team zusammen, machen eine Fallbesprechung und überlegen gemeinsam, welche Schritte notwendig sind. 

Für die Mitarbeiter*innen ist heute deutlich sichtbarer, dass die Leitung und Hamburg Leuchtfeuer als Arbeitgeberin hinter ihnen steht, wenn sie Grenzen setzen oder auf diskriminierendes Verhalten reagieren. Unsere Haltung ist schriftlich festgehalten – unter anderem in einem gemeinsam entwickelten Verhaltenskodex. Er beschreibt den respektvollen und wertschätzenden Umgang, den wir miteinander leben wollen, und gilt für alle Menschen im Haus gleichermaßen: für Bewohner*innen, An- und Zugehörige, Mitarbeiter*innen sowie Ehrenamtliche.

Lass uns zum Schluss in die Zukunft blicken. Wie wird das Thema Vielfalt im Hospiz weiterentwickelt? 

Vielfalt ist kein abgeschlossener Prozess. Wir lernen ständig dazu und müssen das Thema immer wieder bewusst in unseren Alltag integrieren. 

Deshalb haben wir auch über den Zertifizierungsprozess hinaus eine Arbeitsgemeinschaft gebildet, die sich quartalsweise trifft. Dort besprechen wir aktuelle Fragestellungen und überlegen, welche Maßnahmen daraus entstehen. 

Wir möchten weiterhin Spaß, Gemeinschaft und Beziehungspflege mit Bildung und Informationen zum Thema verbinden. Zum Diversity-Tag haben wir beispielsweise gemeinsam den Film „Oskars Kleid“ angesehen. Das hat total viel Freude gemacht!

Beim Hospiz-Sommerfest 2025 wird das Siegel "Liebensort Vielfalt" an unser Hospiz übergeben. Melanie, Michael, Henrik und Alina von Hamburg Leuchtfeuer nehmen das Siegel entgegen. Senatorin Maryam Blumenthal ist bei der Übergabe dabei.

Das Team von Hamburg Leuchtfeuer mit Senatorin Maryam Blumenthal (rechts) mit dem Qualitätssiegel „Lebensort Vielfalt“. (c) Christian Kieselbach

Was wünschst du dir für die Zukunft des Hospizes? 

Die Herausforderungen im Gesundheitswesen werden größer – sowohl finanziell als auch personell. Ich wünsche mir politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die es ermöglichen, Orte wie unseren langfristig zu sichern und weiterzuentwickeln. 

Mein Wunsch wäre, dass wir uns irgendwann über sowas wie eine „Lebensort Vielfalt“ gar keine Gedanken mehr machen müssen, weil Vielfalt und Respekt überall selbstverständlich sind. Aber wir leben in einer Zeit, in der das gerade völlig utopisch ist. Und deshalb braucht es diese sicheren Orte wie unser Hamburg Leuchtfeuer Hospiz. 

Ich wünsche mir außerdem, dass wir uns auch künftig klar gegen Ausgrenzung, Anfeindungen, gesellschaftlichen Extremismus und politischen Rechtsdruck stellen können. Dass wir weiterhin den Mut haben, Haltung zu zeigen und uns für alle Menschen einzusetzen – unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Identität oder ihrer Lebensgeschichte.

Über Hamburg Leuchtfeuer und sein Hospiz

Mit seinen vier gemeinnützigen Bereichen unterstützt Hamburg Leuchtfeuer schwer- und chronisch kranke sowie sterbende und trauernde Menschen und deren Zugehörige. Einer der gemeinnützigen Bereiche ist das 1998 eröffnete Hamburg Leuchtfeuer Hospiz auf St. Pauli. Hier finden Menschen mit schweren Erkrankungen den Raum für ein würdevolles und selbstbestimmtes Leben mit ihrer Krankheit, für einen würdevollen Abschied sowie für Zugewandtheit und Fürsorge in der letzten Lebensphase. Ursprünglich als Aids-Hospiz konzipiert, steht das Haus allen schwerkranken Menschen offen – unabhängig vom Krankheitsbild. Hier finden Sie weitere Informationen rund um unser Hospiz.